GHS ante portas

Neues Chemikalien-Einstufungs- und -Kennzeichnungssystem GHS und
die Umstellungsvorbereitungen im Betrieb

von Dr. Elke Töllner
Akzente 6/2010 | Magazin für Arbeitssicherheit, Gesundheitsschutz und Rehabilitation

GHS steht für das Global Harmonisierte System der Vereinten Nationen zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien. GHS löst die bisherigen europäischen Regelungen dazu ab und sorgt dafür, dass künftig weltweit chemische Stoffe und Gemische nach identischen Kriterien eingestuft und gekennzeichnet werden. Bei Stoffen wird die neue Kennzeichnung schon am 1. Dezember 2010 Pflicht, bei Gemischen erst am 1. Juni 2015. In den Betrieben wird es nun darum gehen, praktikable Wege zur Einführung von GHS zu finden.


Wenn der Betrieb demnächst beim Lieferanten chemische Stoffe bestellt, bekommt er Gebinde mit GHS-Kennzeichnung und überarbeiteten Sicherheitsdatenblättern geliefert. Allerdings wird den Herstellern eine zweijährige Abverkaufsfrist für ihre Lagerbestände eingeräumt. Deshalb werden auch künftig noch Gebinde mit bisheriger Kennzeichnung im Umlauf sein. Aus diesem Grund und weil GHS für Gemische erst ab 1. Juni 2015 verpflichtend wird, werden in der Praxis noch einige Jahre lang beide Kennzeichnungssysteme gleichzeitig in Gebrauch sein. Auch kann derselbe Stoff im Betrieb in unterschiedlich gekennzeichneten Gebinden vorhanden sein, wenn er z. B. von unterschiedlichen Lieferanten stammt.

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Rechtssichere Verwendung
Die Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) von 2005 bezieht sich auf die Einstufung und Kennzeichnung nach der Stoffrichtlinie 67/548/EWG bzw. Zubereitungsrichtlinie 1999/45/EG. Zum 1. Dezember 2010 wird die GefStoffV so geändert, dass zusätzlich auch die GHS-Verordnung* anwendbar ist. Sofern die GefStoffV Anforderungen aus der Einstufung herleitet, bezieht sie sich weiterhin ausschließlich auf die Einstufung nach der Stoff- bzw. Zubereitungsrichtlinie.
Beispiel: Eine entzündbare Flüssigkeit mit einem Flammpunkt über 55 °C bis 60 °C ist einzustufen
  • nach GHS als »Entzündbare Flüssigkeit, Kategorie 3«,
  • nach der Stoffrichtlinie keine Einstufung wegen Entzündbarkeit.
Für den Verwender resultiert daraus nach GefStoffV: Bis 1. Juni 2015 sind keine zusätzlichen Schutzmaßnahmen wegen der GHS-Einstufung erforderlich.
Das bisherige Schutzniveau bleibt also zunächst unverändert. Auch die bestehenden Technischen Regeln finden – abgesehen von erforderlichen formalen Anpassungen - zunächst unverändert Anwendung. Für die Arbeitsschutzmaßnahmen ist es von nachrangiger Bedeutung, ob die neue Kennzeichnung bereits eingeführt ist oder nicht. Denn die Stoffeigenschaften, z. B. der Flammpunkt, bleiben ja unverändert. Erst am 1. Juni 2015 wird das nationale Gefahrstoffrecht vollständig auf die GHS-Verordnung umgestellt sein.
Wenn in der Zwischenzeit Produkte mit GHS-Kennzeichnung geliefert werden, können in Mitgliedsbetrieben folgende, zusätzliche Aktivitäten erforderlich sein:
  1. Überprüfung der Gefährdungsbeurteilung
  2. Ergänzung des Gefahrstoffverzeichnisses
  3. Anpassung der Betriebsanweisungen
  4. . Unterweisung der Beschäftigten
  5. Anpassung der innerbetrieblichen Kennzeichnung
Unterstützung während des Umstellungsprozesses finden Arbeitgeber in der Bekanntmachung zu Gefahrstoffen 408 (BekGS 408)** des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS).

* Verordnung (EG) Nr. 1272/2008 über die Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen (GHS- oder CLP-Verordnung)

** Bekanntmachung zu Gefahrstoffen 408 »Anwendung der GefStoffV und TRGS mit dem Inkrafttreten der CLP-Verordnung« (BekGS 408)


Gefährdungsbeurteilung noch o. k.?
Die Gefährdungsbeurteilung bleibt eine zentrale Forderung der Gefahrstoffverordnung. Entscheidend für die Ableitung von Schutzmaßnahmen sind die Stoffeigenschaften und das Ausmaß, in dem Beschäftigte tatsächlich Gefahrstoffen ausgesetzt sind. Nicht entscheidend dagegen sind die von der Rechtsgrundlage abhängige Einstufung und Kennzeichnung. Eine Kennzeichnung dient der ersten Warnung und gibt nicht zwingend alle Gefahren an. Und es kommt z. B. vor, dass eine Einstufung wie z. B. »korrosiv gegenüber Metallen« nach GHS vorgesehen ist, aber nicht nach der Stoff- oder Zubereitungsrichtlinie.
Erhält der Betrieb eine Lieferung von Produkten mit GHS-Kennzeichnung, muss er auch bei bekannten Stoffen anhand des Sicherheitsdatenblatts oder anderer Produktinformationen prüfen: Gibt es Informationen zu neuen Gefahren, die Auswirkungen auf die Schutzmaßnahmen haben können? Gibt es keine solchen Informationen und entspricht die bestehende Gefährdungsbeurteilung den Anforderungen, dann kann sie übernommen werden. Die Überprüfung der Gefährdungsbeurteilung ist zu dokumentieren.
Werden völlig neue Produkte mit GHS-Kennzeichnung geliefert, muss sich der Arbeitgeber bei der Ableitung von Schutzmaßnahmen mindestens an der alten Einstufung orientieren. Wird nach GHS gekennzeichnet
– ob verpflichtend für Stoffe oder freiwillig für Gemische –, müssen in Kap. 2 des Sicherheitsdatenblatts bis zum 1. Juni 2015 sowohl die alte als auch die neue Einstufung angegeben sein.